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Der an einer Versammlung kasachischer Bijs (Volksrichter) teilnehmende polnische Wissenschaftler Adolf Januschkewitsch schrieb einst: „Vor einigen Tagen erlebte ich ein Aufeinandertreffen zweier gegnerischer Parteien, und verwundert applaudierte ich den Rednern, die noch nie etwas von Demosthenes und Cicero gehört hatten. Heute treten Dichter auf, die weder schreiben noch lesen können, und doch beeindrucken sie mich mit ihren Begabungen ... Ein Volk, das vom lieben Gott mit solchen Talenten beschenkt wurde, kann der Zivilisation nicht fremd bleiben: Deren Geist wird irgendwann bis in die kasachischen Wüsten durchdringen, wird hier die Funken des Lichtes entfachen, und dann kommt die Zeit, dass der jetzt nomadisierende Kasache einen Ehrenplatz unter den Völkern einnimmt, die heute von oben herab auf ihn sehen wie die hohen Kasten Indostans auf die armseligen Parias.“

Die mündliche poetische Kunst Kasachstans ist uralt und umfasst mehr als vierzig Gattungen, darunter Märchen, Sagen, Legenden, Sprichwörter, Brauch- und Rituslieder, heroische und lyrisch-epische Poeme. Über den Ursprung der mündlich-poetischen Volkstraditionen erfahren wir aus altturkischen Runenschriften, die für alle Turkvölker gleich bedeutsam sind. Schon im 6. und 7. Jahrhundert benutzten die turksprachigen Stämme Zentralasiens, die das Turkische Khanat bildeten, und die westturkischen Stämme an der Niederwolga, dem Don und im Nordkaukasus, die das Chasarenreich gründeten, eine eigene Schrift.

Die Quellen berichten von kleinen Holzbrettchen, auf die die Turkvölker Zeichen auftrugen, um zu bezeichnen, wie viele Menschen, Pferde, Steuern und Vieh man zählte. Der turkische Botschafter Mannach aus Sogd, der zum Hofe von Kaiser Justinian nach Konstantinopel kam, brachte eine Botschaft des turkischen Khans in der „Schrift der Skythen“ mit. Die Burguter Stele auf dem Grabhügel von Khan Taspar (er herrschte 572 bis 581) ist ein Denkmal, das beweist, dass ein breiter Kreis der gebildeten Elite der Turkgesellschaft im Khanat die sogdische Schrift lesen konnte. Im Text wird von den Ereignissen der ersten 30 Jahre des Khanats berichtet. Zu der Zeit, als die Burguter Stele errichtet wurde, wurde erstmals das buddhistische Buch „Nirwana-Sutra“ in eine Turksprache übersetzt, um den Buddhismus unter den Turkvölkern zu verbreiten.

In den 20-er Jahren des 18. Jahrhunderts entdeckten der deutsche Wissenschaftler D. Messerschmidt, der im Dienst von Zar Peter I. tätig war, und sein Begleiter, der gefangene schwedische Offizier Johan Strahlenberg, die altturkische Schrift im Tal des Jenissej. Sie waren überzeugt, Runen vor sich zu haben, da die Schrift altskandinavischen Runentexten ähnelte.

1889 entdeckte der russische Wissenschaftler N. M. Jadrinzew die mit Runen bedeckten riesigen Steinstelen in der Nordmongolei im Tal des Flusses Orchon. Diese Runen dechiffrierten der dänische Wissenschaftler Wilhelm Thomsen, der den Schlüssel zu diesem Alphabet fand, und der russische Turkologe Wassili Radlow, der das Lesen dieser Schriften ermöglichte.

Man fand weitere Schriftdenkmäler in der Nordmongolei und Zentralasien. Die Runentexte der turksprachigen Völker in der Mongolei und im Jenissej-Gebiet sind nicht nur wichtige historische Dokumente, sondern auch herausragende Literaturdenkmäler. Die bekanntesten Runentexte rühmen den Bilge-Khan und seinen Bruder Kül-Tegin (732 bis 735) sowie den Berater des ersten Khans Tonykok (716). In der Karachanidenzeit vollendete sich der Prozess der Entwicklung der Literatursprache der Turkvölker in Zentralasien.

Nach der Islamisierung Kasachstans verbreitete sich die arabische Schrift. Zu jener Zeit lebte der berühmte Wissenschaftler und Enzyklopädist Abu Nasr al-Farabi, der seine Ausbildung in der Sprache der Kiptschaken (ein altturkischer Dialekt) erhalten hatte. Al-Farabi schrieb Traktate zur Rechtschreibung, zur Kalligrafie, zur Versdichtung und zur Rhetorik sowie hervorragende philosophische Rubay (Gedichte). Seine Musikabhandlung wurde in mehrere Sprachen der Welt übertragen. Die von al-Farabi ausgearbeiteten und in seinen mathematischen Werken niedergelegten arithmetischen und geometrischen Verfahren in der Architektur gingen in den Städtebau im Nahen und Mittleren Osten ein. Aus der turkisch-kiptschakischen Schicht der Gesellschaft gingen hervorragende Dichter, Schriftsteller und Historiker hervor.

„Diwan lugat at-turk“ von Machmud al-Kaschgari ist einer der farbigsten Belege für das hohe kulturelle Niveau der Turkvölker im 11. Jahrhundert. Der Diwan ist vom Inhalt her umfangreich und gibt Einblick in die damals hoch entwickelte Philologie. Er ist eine wahre Enzyklopädie des turkischen Lebens im Frühmittelalter. Das literarische Werk „Kutadgu Bilik“ verfasste im 11. Jahrhundert Jussuf Balasaguni, ein gebildeter turkischer Dichter und Schriftsteller. „Kutadgu Bilik“ ist nicht nur eine Abhandlung über Ethik und Moral, sondern ein philosophisch-didaktisches Werk, das Balasaguni im Jahre 1069 schrieb und Bogra-Khan aus der Karachanidendynastie schenkte. In der Geschichte der Turkvölker haben die Werke von Achmet Jugnaki einen Ehrenplatz, der die didaktische Richtung in der turksprachigen Literatur fortsetzte, deren Anfänge gerade in „Kutadgu Bilik“ liegen. „Korkut ata kitabi“ („Buch des Großvaters Korkut“) ist eines der originellsten Denkmäler der mittelalterlichen ogusisch-kiptschakischen Literatur – eine Sammlung patriotischer Aufrufe und Ausrufe der Ogusen und Kiptschaken, die das Land ihrer Väter tapfer verteidigten. Erhalten geblieben ist der Diwan von Chodscha Achmet Jassawi, Sufist und Verfechter der moslemischen Lehre „Chikmet“. Sein Diwan ist im ogusisch-kiptschakischen Dialekt der altturkischen Sprache geschrieben. Chodscha Achmet Jassawi ehrt man in der moslemischen Welt als zweiten Heiligen nach dem Propheten Mohammed. Seine Grabstätte in Turkestan ist ein kleines Mekka.

Eines der wertvollsten und für alle Turkvölker bedeutsamsten mittelalterlichen Literaturdenkmäler ist „Ogusname“. Es basiert auf einer Legende aus der Herrschaftszeit der Ogusen. Eine der alten Varianten des „Ogusname“ kennen wir dank Raschid Addin, eine vollständigere Version hinterließ der Historiker Abulgasy (18. Jahrhundert). Der kasachische Wissenschaftler Tschokan Walichanow (19. Jahrhundert) behauptete genau wie P. Pellue und Wassili Bartold, dass letztere ein kasachisches Epos ist.

In der kasachischen Literatur sind die Annalenbände „Shamagat Tauarich“ von Kadyrgal Schalairi und „Tarich-i-Raschidi“ von Muchammad Chaidar Doglati von Bedeutung.

Für die Entstehung und Entwicklung der kasachischen schriftlichen Literatur kommt der mündlichen poetischen Kunst eine immens wichtige Bedeutung zu. Denn diese gab damals nicht nur einen Anstoß zur Entwicklung der Literatur, sondern speiste deren Fluss.

Im 15. bis 18. Jahrhundert erlebte die kasachische Poesie eine Blüte. In ihr spiegelte sich das Leben aus der Entstehungszeit des kasachischen Khanats und des kasachischen Volkstums wider. Die Dichtkunst ist untrennbar verknüpft mit den Schyrau – improvisierende Dichter und Erzähler. Sie brachten die Ideale der mittelalterlichen Krieger und Nomaden zum Ausdruck, berichteten über ihre sittlichen Werte und ihre Wahrnehmungen der Welt. Die Schyrau waren gute Kenner der Sagen und Bräuche sowie der Genealogien der Stämme und Völker. In Kriegszeiten nahmen sie an den Feldzügen teil, mehrere von ihnen waren Feldherren. Sie schufen eine Vielzahl von Gedichten, die Bezug zum Kriegsleben hatten. Ein Schyrau war nicht nur eine schöpferische Persönlichkeit, sondern auch Lehrmeister der Khane. Er hatte Einfluss auf die Politik.

Im 19. Jahrhundert beginnt eine neue Etappe in der Geschichte der kasachischen Literatur. Machambet Utemissow (1804 bis 1846) war im Volk als leidenschaftlicher Dichter und wagemutiger Krieger bekannt, der mit Wort und Schwert für die geistige Unabhängigkeit seines Volkes kämpfte. Er zeichnete sich durch Unbezähmbarkeit aus, durch seinen Ungehorsam und seine Unversöhnlichkeit gegen die Gewalt der Khane und der zaristischen Macht. Utemissow wurde zum Führer eines Aufstandes der Bukejewer Horde. Er fiel durch die Hand eines gedungenen Mörders. Seine Gedichte sind uns geblieben – voll des Pathos kriegerischer Freiheitsliebe und der Kraft der staatsbürgerlichen Stimme. Utemissows Poesie bereicherte die kasachische Literatur mit Themen und Ideen.

Die kasachische Sprache besaß schriftliche Traditionen, aber zur gesamtnationalen Literatursprache wurde sie erst dank der dichterischen Tätigkeit von Abai (Ibrahim) Kunanbajew (1845 bis 1904). Abai war ein großer Denker, ein unvergleichlicher Künstler des Wortes, Komponist und unermüdlicher Aufklärer – ein Genie seiner Zeit und eine herausragende Persönlichkeit Kasachstans. Bereits mit 13 Jahren beherrschte Abai Arabisch, Persisch, Tschagatai und Russisch, was ihm später seine tiefe Vertrautheit mit den Werken der Klassiker des Ostens ermöglichte. Er zeigte reges Interesse an der klassischen europäischen und russischen Philosophie und Literatur, die sein Werden zum unübertroffenen Meister des künstlerischen Wortes beeinflussten. Er übersetzte Puschkin, Lermontow, Krylow, Goethe, Schiller und Byron ins Kasachische. Abai schuf unsterbliche Werke nicht nur in der Literatur, sondern auch in der Musik. Sein „Buch der Wörter“ ist ein prosaisches, religiöses und philosophisches Traktat, das die ganze Tiefe der mit Liebe zur Menschheit und zum Schöpfer gesegneten Volksweisheit zum Ausdruck bringt. Abai ist der Stolz des kasachischen Volkes. 2015 feierte Kasachstan sein 170. Jubiläum. Aus diesem Anlass wurde von der Stiftung für die Entwicklung der Staatssprache das Internetportal „abailembi.kz“ vorgestellt.

Die 30-er Jahre des 20. Jahrhunderts fügten der Literatur, Kultur und Wissenschaft Kasachstans immense Schäden zu. Herausragende Dichter, Schriftsteller und Wissenschaftler – die besten Vertreter der Intelligenz – wurden zu Unrecht nationalistischer und dem Sozialismus gegenüber feindlicher Stimmungen bezichtigt und unter Stalin liquidiert. Unter ihnen waren auch die Begründer der kasachischen Literatur der Sowjetzeit – Saken Seifulin, Achmet Baitursynow, Myrschakil Dulatow, Sch. Kudaiberdyjew, Iljas Dschansugurow und Sh. Ajmauytow – sowie Hunderte glänzende Persönlichkeiten aus Kunst und Wissenschaft.

Muchtar Auesow (1897 bis 1961) war ein herausragender Schriftsteller, Wissenschaftler und Dramatiker der Sowjetzeit. Er spielte eine wichtige Rolle in der Entwicklung der realistischen Prosa. Seiner Feder entstammen zahllose Erzählungen, Powest, Theaterstücke und nicht zuletzt die Roman-Epopoe „Abais Weg“, die in viele Sprachen der Welt übersetzt wurde. Die Wendung hin zu den nationalen Quellen, die Berührung mit der Volkskultur, das Nachdenken über die sittlichen Grundlagen des Daseins erwiesen sich als wichtig für das Werk vieler Künstler, die zu Chronisten ihrer Zeit und der vielfältigen Wandlungen im Leben des kasachischen Volkes wurden.

Wer sind wir, woher kommen wir, und wohin gehen wir? Diese ewigen Fragen sind auch heute aktuell, denn das Gerippe der neuen kasachischen Literatur besteht aus der Generation, die in den 1990-er Jahren die literarische Bühne betraten. Sie sind die Erben von Abdischamal Nurpeissow, Abisch Kekilbajew, Tachawi Achtanow, Askar Suleimenow, Olschas Suleimenow, Murat Auesow und Edige Tursynow, aber sie legen Wert auf andere Prinzipien der geistigen und intellektuellen Tradition. Diese neue Generation stieg aus der Tiefe der nationalen Kultur herauf und fühlt sich frei – sowohl im Kontext der orientalischen als auch der westlichen Tradition. Zu nennen sind hier unter vielen anderen die Dichter Aueschan Kodar, M. Akdauletow, E. Rauschanow, A. Alimow und T. Abdikakimow, die Schriftsteller Sch. Schaschtajuly, S. Assylbekow, A. Askarow, D. Aschimchanow, M. Kulkenow und K. Schienbajew, die Literaturwissenschaftler und Kritiker A. Ismakowa, T. Schapajew, K. Schanabajew, Sch. Nurpeissowa, A. Mendeke und E. Amanschajew.

Besonders hervorzuheben sind die gesellschaftliche Tätigkeit und das Werk des Kulturwissenschaftlers, Übersetzers, Schriftstellers und Dichters Aueschan Kodar, dessen Professionalität und unermüdliche Arbeit die einzigartige Literaturzeitschrift „Tamyr“ hervorbrachten. Die Zeitschrift fördert die neusten intellektuellen und künstlerischen Ideen und analysiert sie.

Von der modernen Prosa und Lyrik scheinen die literarischen Experimente der Almatyer Postmodernisten am interessantesten, die sich in der Gruppe „Kartel blanschar” („Gemeinschaft der Freien”) zusammengefunden hatten. Die Mehrheit der Schriftsteller ist aus der Meisterklasse der Stiftung „Mussaget” hervorgegangen. Zu den Mitgliedern zählten etwa Marat Issenow, Jelena Tikunowa, Ilja Odegow, Erbal Schumagulow, Iwan Beketow, Juri Sere-brjannski, Pawel Bannikow, Natalia Bannikowa, Tigran Tunijanz und Xenia Rogoschnikowa.

Zu bekannten Persönlichkeiten des literarischen Lebens gehören die Schriftsteller Wadim Dergatschow, Dmitri Chegai, Marat Otynschew, Almas Tollebajew und Sergej Bujanow. Bekannt sind die Gedichte von Erbol Schumagolow, Jerlan Askarbekow und Lilli Kalausa.

Der bekannteste deutschstämmige Schriftsteller Kasachstans war der im Februar 2015 verstorbene Herold Belger. Im Februar 2010 wurde er für seinen Beitrag zum gegenseitigen Verständnis zwischen den Völkern Deutschlands und Kasachstans mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Belger hat viel zur Deportation der Wolgadeutschen geforscht und in russischer, kasachischer und deutscher Sprache veröffentlicht. Aus seiner Feder entsprang der Essay „Goethe und Abai” (1989), ein Vergleich der Werke und Philosophien des deutschen Dichters und des kasachischen Aufklärers. Zu seinen bekannten Werken zählen „Haus der Heimatlosen”, „Tujuksu” und „Das kasachische Wort”. Er erwarb sich große Anerkennung für seine Übersetzungen deutscher Literatur in die russische und kasachische Sprache. Belger war Mitbegründer des Schriftstellerverbandes Kasachstans und Mitglied des Nationalen Rats für Staatspolitik beim Präsidenten.

Die Herausgabe gesellschaftlich wichtiger Literatur wird vom Staat unterstützt und es wurde eine ganze Serie von Werken herausgebracht, darunter von Kadirbek Segisbajuly, Rachimschan Otarbajew, Akim Tarazi, Nurgali Orasow, Jusipbek Korgasbek, Gulnar Salykbai, Ulykbek Esdaulet, Marchabat Bajgut, Tolen Abdik, Nesipbek Dautayuly, Serik Aksunkaruly, Kuandik Tumenbai, Nurlan Maukenuly, Raphael Nijasbekow, Scholtai Almaschuli, Esenkul Zhakypbekow, Nesipbek Aytuly und Bauyrzhan Zhakypow. Populäre Schriftsteller sind heute Leon Kostewitsch und Jerschan Esimchanow wie auch Marat Konurow, Darija Dschumageldinowa und Ajan Kudaikulowa.

Ein Internationaler Science-Fiction Wettbewerb findet seit 2011 statt. Die Siegerbeiträge werden in die Anthologie der modernen kasachischen Science-Fiction-Prosa aufgenommen. Auch gesellschaftliche Organisationen unterstützen die nationale Literaturentwicklung. Der Altyn-Kalam-Preis wird jährlich vergeben, um Schriftsteller und Dichter bei der Erstveröffentlichung zu unterstützen. Die Kyran-Stiftung hat Werke von Tanakos Tolkynkysy, Serik Sagyntai, Kultoleu Mukasch, Jerlan Schunis, Asylsat Arystanbek und Miras Asan herausgegeben, um die Entwicklung der Literatur in kasachischer Sprache zu unterstützen.

Zu den angesehensten Auszeichnungen im Literaturbereich zählen der Präsidentenpreis und der 2015 eingeführte Staatspreis für Literatur und Kunst. Beide Auszeichnungen werden für einen besonders wertvollen Beitrag zur Entwicklung der nationalen Kultur vergeben.